Prospero. Tübingen. Löwen

Schwäbisches Tagblatt - Tübinger Chronik vom 29.04.2026, Seite 13 / KULTUR IN DER REGION

Prospero. Tübingen. Löwen. Tübinger Zimmertheater Vor der „Sturm“-Premiere im Tübinger Löwen unter der Regie Thomas Bockelmanns blicken Christina Weiser und Bernhard Hurm zurück – und ein Stück nach vorn. Von Peter Ertle

Am Samstag, 2. Mai, hat im Löwen eine von Intendant Thomas Bockelmann inszenierte Fassung von Shakespeares „Sturm“ Zimmertheater-Premiere. Als Gäste in zentralen Rollen – und in gewisser Weise beide Male in Form einer Art Heimholung: Lindenhof-Urgestein Bernhard Hurm, der vor 40 Jahren im ersten Tübinger Sommerthater als Hölderlin im Neckar vor der Bursagasse schwamm, was extrem hohe Theaterwellen im Städtchen schlug. Und Christina Weiser, Schauspielerin in Kassel und Ehefrau von Thomas Bockelmann – sie wird ab nächster Spielzeit fest zum Ensemble gehören. Weiser und Hurm kennen sich schon lange, stehen aber erstmals gemeinsam auf der Bühne. Wir sprachen mit ihnen.

Frau Weiser, ist es denn schon spruchreif, dass Sie ab nächster Spielzeit fest zum Ensemble gehören werden?

Christina Weiser: Ja, ich habe mich für zwei Jahre in Kassel beurlauben lassen. Wie es dann nach Tübingen weitergeht, wird man sehen. Ich hab mich ja wohlgefühlt in Kassel. Aber Tübingen ist schön, und eine Fernbeziehung wollte ich jetzt auch nicht.

Und du – vor ziemlich genau vierzig Jahren hast du da draußen den Hölderlin gespielt. Jetzt bist du wieder hier. Schon irre.

Bernhard Hurm: Das Wasser war verseucht wegen Tschernobyl. Meine Kollegen haben alle Neoprenanzüge angehabt, aber ich bin so reingegangen. Ja, seitdem ist viel passiert. Mit 25 bin ich zum Theater Lindenhof gekommen, von Anfang an war ich dabei, von der Pieke auf.

Und jetzt ist der Lindenhof mit dem Theater-Bundespreis ausgezeichnet worden.

Hurm: Ich bin mächtig stolz, obwohl ich gar nicht mehr so im operativen Geschäft dabei bin. Aber das betrifft ja das Theater insgesamt, wie es aufgestellt ist, welche Themen es angeht.

Frau Weiser, wissen Sie noch, wo Sie vor 40 Jahren waren?

Weiser: Oh! Da war ich in großer Verzweiflung, was ich überhaupt machen sollte. Ich wollte ja zuerst Musik studieren, dann Psychologie. Vorbereitend habe ich in der geschlossenen Psychiatrie ein Praktikum gemacht. Und bin selber matsche rausgekommen, ich hab das nicht verkraftet. Und hab das Psychologie-Studium erst gar nicht begonnen, dann in Frankfurt Germanistik und Theaterwissenschaft studiert und parallel angefangen, Theater zu spielen, an einem Off-Theater in Bornheim auf einer kleinen Bühne. Ich begann vorzusprechen. Und dann hat es zufällig wieder in Frankfurt geklappt.

Immer Frankfurt! Thomas Bockelmann ist ja auch in Frankfurt aufgewachsen.

Weiser: Das ist reiner Zufall, das haben wir tatsächlich erst später entdeckt. Dann fingen wir an, ein bisschen hessisch zu babbeln.

Wie ging es nach Frankfurt weiter?

Weiser: Also ich fing an mit Heilbronn. Das war krass damals. Ganz viele Anfänger, also billige Arbeitskräfte. Heilbronn hatte damals die höchsten Eigeneinnahmen von allen Theatern. Ich hab in einem Monat 50, 60 Mal gespielt, bis zu vier Vorstellungen an einem Tag.

Hat aber nicht dazu geführt, dass Sie sagten: Die nächste geschlossene Anstalt!

Weiser: Nein, aber ich bin danach tatsächlich erst mal nach Berlin gegangen. Da hab ich Thomas kennengelernt. Nein, kennengelernt haben wir uns genaugenommen in Tübingen. Und zwar hat mich ein Freund zu Thomas’ Tübinger Abschiedsfest in Bruno Gallos Dacapo in der Belthlestraße mitgenommen.

Wo der damalige TAGBLATT-Chef Christoph Müller die lange Abschiedsrede gehalten hat, bei der am Ende niemand mehr zuhörte? Ich weiß das vom Hörensagen …

Weiser: Genau. Später haben wir uns dann in Berlin wieder getroffen, ich spielte da gerade frei an der Komödie am Kudamm. Dann hab ich ganz regulär in Thomas’ neuer Wirkungsstätte Wilhelmshaven vorgesprochen. Ich muss dazu sagen, da gibt es ja eine Jury, also das entscheidet nicht der Intendant allein. Die fanden mich aber glücklicherweise alle gut.

Wo beginnt deine Geschichte mit Thomas Bockelmann?

Hurm: Die beginnt hier bei seiner ersten Intendanz. Da hat er immer wieder Zellmer und mich eingeladen, wir haben Matineen gegeben. Kenner trinken Württemberger. Wir waren die Schwabenoffensive in Tübingen. Wir haben das an allen Stationen von Thomas gemacht. Das war meisten so um 22, 23 Uhr, Nachtschiene, da waren immer viele Paare, meistens jemand aus Schwaben und jemand von dort. Und der Schwabe oder die Schwäbin sagte: „So ist es bei uns. Schau sie dir an: Das sind echte Schwaben, das ist Schwäbisch!“ Und der Nebenmann die Nebenfrau von dort sagte: „Ah, da kommst du her! Sprechen sie da wirklich so?“

Weiser: Ich weiß das noch, als wärs heute: Vor 30 Jahren, meine Tochter war gerade mal zwei Wochen auf der Welt, da hab ich euch zum ersten Mal gesehen. Ich hab das Fenster aufgemacht und da standet ihr da draußen, Zellmer und du, beide mit so Hüten, ihr saht wirklich aus wie gerade von der Alb an den Jadebusen gekommen

Hurm: Für uns eine Weltreise. So hat das begonnen. Aber Thomas war auch oft hier. Wir sind dann jedes Mal in den Hirschen nach Erpfingen.

Und wie oft haben Sie unter der Regie ihres Mannes gespielt?

Weiser: Wir haben das höchstens einmal pro Spielzeit gemacht. Mehr fände ich auch blöd in einem Ensemble, da muss man schon aufpassen. Ich hab da auch nicht immer die Hauptrolle gespielt. Wir haben zum Beispiel „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ gemacht, mit der guten Mechthild Großmann, da hab ich die Süße gespielt, wir haben Amphitryon gespielt, Ivanov, ich war die Sascha, ach, eine ganze Reihe von Stücken.

Standen Sie auch gemeinsam auf der Bühne?

Ja, als Johanna auf dem Scheiterhaufen, in Münster, da spielte Thomas den Regieassistent, also der Intendant spielte den Regieassistent, das war natürlich ein großer Lacher intern. Unsere Tochter war damals auch dabei und hatte eine Kinderrolle. Sie war der kleine Henker, der mich anzündete.

Das ist ja furchtbar!

Weiser: Doch. (Lacht). Meine Tochter ist heute Schauspielerin.

Die Zeitschrift Theater heute hat Sie 2018 zur Schauspielerin des Jahres nominiert. Und in Kassel bekamen Sie einmal den Publikumspreis.

Weiser: Ja, in Münster hab ich ihn auch gekriegt, für Hamlet, den Fördervereinspreis, in Kassel den Publikumspreis

Hamlet – damit wären wir immerhin schon mal bei Shakespeare. Weiß du noch, wie oft du Shakespeare gespielt hast?

Hurm: Ja: „Viel Lärm um nichts“ in Gomaringen, von Biermeier inszeniert, das haben wir dann später auch in Schwäbisch Hall gespielt.

Weiser: Das hab ich gesehen! Aber nicht in Schwäbisch Hall. Hab ihr das nicht auch irgendwo gespielt, wo im Hintergrund ein Zug vorbeifuhr, ich meine ein realer Zug.

Hurm: Ein Zug? Nein. Ha, doch! In Bietigheim!

Weiser: Ah, genau, da war ich.

Hoffentlich war der Zug nicht laut und das Stück nicht schwach. Ich sehe schon die Überschrift der Kritik: „Viel Zuglärm um nichts“.

Hurm: Ah – dann natürlich schon ganz früh oben auf dem Schloss „Johannis. Nacht. Traum“, Regie Hartmut Wickert, das Sommertheater nach „Hölderlin.Tübingen.Turm“, das muss dann also 1987 gewesen sein. Dann hab ich mit Biermeier mal eine Shakespeare-Revue gemacht. Und jetzt, vor nicht allzulanger Zeit, nochmal den Sommernachtstraum bei der Bundesgartenschau. Da hab ich den Zettel gespielt.

Jetzt spielt ihr eine aktuelle Sturm-Anverwandlung des Stoffs für drei Schauspieler. Die vielen Personen des Originals würden eh nicht Platz haben auf der Bühne.

Hurm: Ja, nur haben die Figuren bei uns andere Geschlechter als beim Autor Joachim Lux.

Na, bei Ariel kann man sich streiten, welchem Geschlecht man den zuordnet.

Weiser: Ich glaube, die Rolle wird öfter weiblich besetzt.

Hurm: Für mich ist das eine Frau. Aber im Burgtheater bei der Uraufführung wars ein Mann.

Ich frage Schauspielerinnen und Schauspieler gern nach einem Bühnensatz, der ihnen spontan einfällt. Habt ihr einen?

Weiser: „Wohl ist sie schön die Welt. In ihrer Weite bewegt sich so viel Gutes hin und her. Ach, dass es immer nur um einen Schritt sich zu entfernen scheint, Und unsere bange Sehnsucht durch das Leben auch Schritt für Schritt bis nach dem Grabe lockt.“ Sagt Leonore im Tasso, eine meiner Lieblingsrollen.

Hurm: „Denn kostbarer als Rache ist die Gnade.“ Darum geht es letztendlich im Sturm. Wie man das Böse auflöst. Durch Ariel begreift Prospero, dass er sich nicht an ihnen rächen, sondern ihnen vergeben will. So kommt er aus diesem Gewalt- und Opfer-Kreislauf heraus.

Es ist Shakespeares letztes Stück. Er sagt Tschüss, das wars! Und alles war nur Trugbild.

Weiser: Ja, in unserer Inszenierung läuft Prospero in einem Bademantel herum. Es könnte auch sein, dass er in einem Altenheim ist und die Geschichte nochmal durchgeht.

Hurm: Es ist ein Abschied. Am Anfang des Stücks steht ja auch ein Sonett: „Die Zeit des Jahres kannst du an mir sehen da an den Bäumen kaum noch Blätter prangen …“

 

Info zum Stück

Uraufführung des auf ein Dreipersonenstück komprimierten Sturms von Shakespeare in der Fassung von Joachim Lux war am Wiener Burgtheater, unter anderem mit Joachim Meyerhoff als Schauspieler. Intendant Thomas Bockelmann hat das Stück in Kassel bereits einmal inszeniert. Diesmal stehen Johanna Engel, Lindenhof-Urgestein Bernhard Hurm und Christina Weiser auf der Bühne – die bereits in Kassel mit von der Partie war.

Kostprobe am 1. Mai, Premiere am 2. Mai um 20 Uhr im Löwen (ausverkauft), weitere Spieltermine: 9., 16., 17. 21. Mai, 4., 13., und 25. Juni (