„DIE LEUTE MACHEN SICH VIEL ZU VIEL SORGEN DARÜBER, WAS SIE SIND. DABEI SOLLTEN SIE LIEBER DARÜBER NACHDENKEN, WAS SIE TUN.“

Alex Priest in HEISENBERG von Simon Stephens

 

Liebes Publikum,

unsere erste Spielzeit fand mit 9.600 ZuschauerInnen – mehr als zweieinhalb Mal so viele wie in der letzten Saison – eine beglückende Resonanz. Und mein erster herzlicher Dank geht natürlich an alle Mitarbeitenden an unserem schönen Zimmertheater für ihren tollen Einsatz! Unser Erfolg liegt wesentlich auch an unserem Freundeskreis, dessen Mitglieder es durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit an Kasse und Bar erst möglich machten, dass wir trotz unserer Personalknappheit, das Zimmertheater hat in diesem Geschäftsjahr 26 % des Etats einzusparen, wieder regelmäßig sonntags spielen konnten. Dafür und auch für die große Spendenbereitschaft herzlichen Dank! Zusammen mit verdreifachten Einnahmen und einer sparsamen Haushaltsführung ist es deshalb in der kommenden Spielzeit möglich, die vorab gestrichene Ensemble-Stelle wieder zu besetzen und auch mehr Gäste zu engagieren. Und noch eine Begebenheit, die uns berührt hat: In der Todesanzeige der unlängst in ihrem 90. Lebensjahr verstorbenen Ursula Koch wurde um Spenden an unseren Freundeskreis gebeten. Eine solche Geste habe ich in 34 Jahren als Intendant zum ersten Mal erleben dürfen.       

An vielen Orten auf der Welt geht es gerade ziemlich garstig zu. Demokratien werden beschädigt, die Verlockung des Autoritären und die Sprengkraft des Populismus nehmen zu und der Kampf gegen sie war im vergangenen Jahrzehnt nicht gerade von Erfolg gekrönt. „Die Demokratie der Zukunft wird eine andere sein, als die Demokratie der Gegenwart. Bliebe sie dieselbe, so hätte die Demokratie keine Zukunft“ sagt Herfried Münkler. 

Doch wie wird diese Demokratie der Zukunft aussehen? Was heißt es heute politisch zu handeln? Welche Rolle spielen die Künste? Und wie widerständig ist eigentlich unser Theater? Was können wir tun? 

Auch wir haben keine einfachen Lösungen. Aber wir machen die Diskussion über den richtigen Umgang mit Rechten bei uns auf der Bühne zum Thema.

Darum eröffnen wir die kommende Spielzeit im Löwen mit dem hochaktuellen Stück CATARINA ODER VON DER SCHÖNHEIT, FASCHISTEN ZU TÖTEN von Tiago Rodrigues, das gerade erst seine vielbeachtete deutschsprachige Erstaufführung in Bochum hatte. Es wird zu allen Aufführungen Nachgespräche mit dem Ensemble sowie Menschen der Tübinger Stadtgesellschaft oder auch auswärtigen Gästen geben. Besonders freuen wir uns hier über die Kooperation mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung der Uni Tübingen.

Als vierte Premiere präsentieren wir, im Gedenken an alle Opfer terroristischer Anschläge, als zweites Theater in Deutschland PARIS DANACH des Prix Goncourt-Preisträgers Laurent Gaudé, das die Geschichte der grausamen Anschläge auf den Pariser Boulevards und im Bataclan erzählt und auf bewegende Weise den Opfern und Helfern eine Stimme gibt. Ein Stück, das nachwirkt und dazu einlädt, über Formen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und unsere Widerständigkeit nachzudenken.

Dazwischen liegen zwei sehr unterschiedliche Beziehungsstücke: Zum einen HEISENBERG von Simon Stephens, dem wir ja auch unser Spielzeitmotto verdanken – das in höchst komischen und geistreichen Dialogen eine scheinbar unmögliche Liebesgeschichte erzählt und nur eine Woche später GIFT von Lot Vekemans in dem – ebenfalls in virtuosen Dialogen – eine Liebesgeschichte von ihrem Ende her erzählt wird. 

Außerdem möchten wir nach dem STURM unsere Auseinandersetzung mit William Shakespeare fortsetzen und werden, wiederum in einer Drei-Personen-Fassung, MACBETH zeigen, wo wir erleben können, zu welchen Untaten Weissagungen, übertriebener Ehrgeiz und Verdrängung führen können.

Als sechste Premiere bringen wir italienisches Volkstheater in schwäbischer Mundart auf die Bühne: DIE GEBURT DES SPIELMANNS, und weitere Monologe aus MISTERO BUFFO von Dario Fo.

Und wir werden unsere sonntägliche Reihe musikalisch-literarischer Soireen, weiterhin mit dem renommierten Gitarristen Christoph Denoth, fortsetzen. Gleich zu Beginn der Spielzeit ab dem 20.9.: „KOMM! INS OFFENE, FREUND!“ mit Bernhard Hurm, der wie kaum ein anderer Hölderlin-Gedichte zum Klingen bringen kann. Es folgen Soireen mit Gedichten von Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, Mascha Kaleko und Bertolt Brecht.

Außerdem wird es auch zwei Wiederaufnahmen geben: Ab dem 18.9. PRIMA FACIE von Suzie Miller, schon einen Tag früher, am 17.9., MUTTERS COURAGE von George Tabori. Wir freuen uns besonders auf die Gastspieleinladung am 9.11. ins Kölner Schauspielhaus.

Wir hoffen zuversichtlich, mit unserem Programm Ihr Interesse erneut zu wecken und in einen regen Austausch mit Ihnen zu kommen. Zum guten Schluss noch ein kühner Gedanke: sollten wir gegen Ende der kommenden Spielzeit gar die 10.000 erreichen, werden zwei Premierenabos verschenkt…

Herzlich

Thomas Bockelmann