George Tabori hatte ein feines Gespür für den Witz in einem Kontext des Grauens, für die absurde Pointe im Reich des Bösen. In Mutters Courage erzählt er die unmögliche Geschichte einer sechzigjährigen Jüdin, die 1944 in Budapest auf der Straße verhaftet und mit 4030 Anderen im Viehwagen nach Auschwitz deportiert wird. Und als Einzige überlebt. Die unmögliche Geschichte ist eine wahre Geschichte. Elsa Tabori hat sie erlebt. Ihr Sohn hat sie aufgeschrieben. Sie gehört seitdem zum festen Bestand einer oral history – natürlich nur für diejenigen unter uns, die glauben, dass man Geschichte nicht mal eben „hinter sich lassen“ kann. Was laut einer Umfrage schon 2015 81% der Deutschen in Bezug auf den Holocaust gerne täten. „Ist doch klar: die Deutschen werden uns Juden Auschwitz nie verzeihen“ so der israelische Psychoanalytiker Zwi Rex.
Taboris Hommage an seine Mutter ist im weiteren Sinne eine Hommage an alle Mütter, deren Mut, Witz und Lebenswille ihren Kindern die Möglichkeit gaben, ihr eigenes Trauma zu bewältigen.
„Dieses Feilschen um Formulierungen, das natürlich auch ein Verhandeln von Wahrheit ist, ist mit lakonischem Witz ausgearbeitet, dient aber vor allem dazu, das Entsetzen hinter der Geschichte erträglich zu machen. Wunderbar ist dieses Spiel der beiden – präzise, zart, berührend. Großer Applaus“.
Anja Witzke, Theaterkritikerin
Die Aufführung hat in den vergangenen 30 Jahren über 170 Vorstellungen – unter anderen in New York und in Los Angeles – erlebt.
Inszenierung: Thomas Bockelmann
Bühne: Pia Janssen
Kostüme: Ursina Zürcher
Musik: Erich Radke
Dramaturgie: Michael Volk
Es spielen:
Elsa Tabori Sigrun Schneider-Kaethner
Georg Tabori Thomas Bockelmann
Premiere: 13. September 2025 um 20 Uhr, Stückeinführung immer 19:30 Uhr
Veranstaltungsort: Gewölbe, Bursagasse 16
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Das Schwäbischen Tagblatt zum Saisonauftakt:
„Nach ein paar Sekunden geht eine mystische Musik los, man sieht einen Zug fahren, dann kommt sie auf einmal zu mir und sagt: ‚Wie heißt das Stück?‘ Ich sag: ‚Mensch, Mutter, was machst du denn hier? Du bist doch seit zig Jahren tot.‘“ […] Es ist nämlich so – und jetzt kommt die story, die, wie Bockelmann sagt, „so unglaublich ist, dass sie wahr sein muss“: Frau Tabori, eine Jüdin aus Budapest, macht sich, wie jeden Sonntag, im schönen schwarzen Kleidchen auf zum Romméespielen bei Bekannten, wird aber unterwegs festgenommen und sofort in einen Zug nach Auschwitz gesetzt. Bei einem Zwischenhalt erzählt sie einem SS-Mann, sie habe einen Schutzpass des schwedischen Roten Kreuzes und dürfe nicht festgenommen werden. Der SS-Mann, verunsichert, er könnte etwas falsch machen, schickt sie wieder in einen Zug retour, nach Budapest (sie kommt wundersamerweise noch pünktlich zur Rommée-Runde). So wird sie gerettet. Als einzige aus diesem Zug. Bockelmann und Schneider-Kaethner haben das Stück auch schon in englischer Sprache gespielt, unter anderem in LA in der Villa Aurora, die Lion Feuchtwanger während der Nazi-Herrschaft zum Zentrum der deutschen Exilszene machte und wo auch Tabori ein und aus ging. Zur Aufführung in der Villa Aurora kam Taboris Tochter extra aus New York und umarmte die beiden Schauspieler auf der Bühne. Nur eines von zahlreichen, bewegenden Erlebnissen um diese Inszenierung. In Münster haben die beiden Schauspieler das Stück einmal am Holocaust-Tag vor Auschwitz-Überlebenden gespielt, sich kaum auf die Bühne getraut. Und dann hat auch niemand gelacht, kein einziges Mal. „Aber danach kamen viele Zuschauer auf uns zu und haben sich bedankt“, erzählt Schneider-Kaethner. […] Einen weiteren gespenstischen Umstand gibt es bei dieser Aufführung: Nur einen Hauseingang weiter in der Bursagasse wuchs Theodor Dannecker auf, der später einer der Gehilfen Adolf Eichmanns wurde. Danneckers Einsatzgebiete wechselten. Am Ende war er für die Deportation ungarischer Juden verantwortlich. Also auch für George Taboris Mutter. Am 9. Dezember 1945 wurde Dannecker in Bad Tölz gefasst. Am nächsten Morgen fand man ihn tot in seiner Zelle. Er hatte sich mit der Schnur seines Rucksacks erhängt. Schnitt. Frage: Hat sich die Inszenierung im Laufe der Zeit verändert? Antwort: Kaum. Jedenfalls weniger als die Zeit drumherum. Zimmertheater-Dramaturg Stefan Tigges weist in dem Zusammenhang auf das Erstarken rechter Strömungen, die Zunahme von Antisemitismus. Und dass jüngere Generationen heute teils gar kein Geschichtswissen mehr hätten. Weshalb sie sich mit diesem Zweipersonenstück verstärkt auch an Schulen wenden werden.“
Peter Ertle -Schwäbisches Tagblatt