"Die Zuschauer strömen"

Schwäbisches Tagblatt - Tübinger Chronik vom 14.03.2026, Seite 13 / TÜBINGEN

Immer schon „eine große Klappe“ Gast der Woche Thomas Bockelmann leitet seit dieser Spielzeit zum zweiten Mal das Tübinger Zimmertheater – und die Zuschauer strömen.

Von Peter Ertle

Er war ein paar Jahre weg. Genauer gesagt 32. Dazwischen liegt ein Theaterleben, dessen längster Teil am Staatstheater Kassel stattfand, wo er als Intendant und Schauspieldirektor einen im Vergleich zum Stocherkahn Zimmertheater großen Dampfer leitete. „Aber ich hatte immer Freunde in Tübingen, war oft hier.“ Es sei ja kein Geheimnis, dass er mit Boris Palmer befreundet sei, auch Knut Weber war früher so ein Anker. Und Uwe Zellmer, Bernhard Hurm. Überhaupt, der Lindenhof: „Ich finde es immer wieder erstaunlich, auf welchem Niveau in diesem 3000-Seelendorf Theater gespielt wird.“

Was er noch mit Tübingen verbindet: dass er damals, während seiner ersten Intendanz, in einer persönlichen Krise hier professionelle Hilfe fand, ohne die sein weiterer Weg in der deutschen Theaterlandschaft nicht möglich gewesen wäre.  Bockelmann sieht sich nicht nur als Feuerwehrmann für ein in die Bredouille geratenes Theater, die Bühne in der Bursagasse liegt ihm am Herzen, auch hat er schlicht Lust, noch ein bisschen länger das zu tun, was er immer schon tat. „Das Einzige, was mir hier fehlt, ist die Nähe zu der Frau, mit der ich seit 30 Jahren zusammenlebe“, sagt er, genau drei Mal war er dort, seit er in Tübingen ist, ein paar Mal natürlich sie hier, demnächst wird sie eine ganze Weile in Tübingen sein, denn sie gastiert in Shakespeares „Sturm.“

Warum soll ich aufhören? Und was sagt er denen, die monieren, dass einer wie er neben der Pension noch mal ein Gehalt bekommt und Jüngeren den Platz wegnimmt? „Denen sage ich, dass es in künstlerischen Berufen ja nicht schlechter wird. Ohne mich mit Peter Brook oder Ariane Mnouchkine vergleichen zu wollen, aber die haben ihre besten Arbeiten auch in ihren 70ern gemacht. Warum soll ich denn jetzt aufhören wo ich mehr weiß als je zuvor?“ Und: „Ich mache das hier nicht wegen des Geldes, die Gagenverhandlungen waren auch sehr unkompliziert.“ Es gehe am Theater vor allem um Erfahrung, Gelassenheit, Zugewandtsein, Ermöglichung. „Mein Hauptziel ist, die künstlerischen Potenziale, mit denen ich das Glück habe, umgehen zu dürfen, so schön wie möglich zum Blühen zu bringen.“

Bockelmanns Start in seine erste Spielzeit ist beeindruckend, er hat Zahlen mitgebracht: Im Vergleichszeitraum bis zum 15. März gab es unter der vorherigen Intendanz 2316 verkaufte Tickets und einen Umsatz von 32.421 Euro. Sie selbst dagegen hätten im gleichen Zeitraum 5805 Tickets verkauft und einen Umsatz von 93.555 gehabt. Das ist mehr als das Zweieinhalbfache. Ein anderer Vergleich: „In der letzten Spielzeit wurden insgesamt 3880 Karten verkauft, gab es einen Umsatz von 52.000 Euro. Das heißt, wir haben jetzt bereits mehr.“ Noch eine Zahl: „Letzte Spielzeit gab es insgesamt 106 Vorstellungen, wir haben jetzt bereits 95.“Zu Wahrheit gehört, dass Bockelmann die Spielzeit ein paar Wochen früher einläutete, was die Zahlen nicht schmälert, aber einen Teil des Erfolgs erklärt. Ein anderer Grund, „und da habe ich Ella Klein vom Freundeskreis, die den Vorschlag machte, gar nicht genug zu danken“: Der Freundeskreis hat sich bereit erklärt, am Sonntag Thekendienst und Bardienst ehrenamtlich zu übernehmen. „Daher können wir jetzt auch sonntags wieder spielen, wir spielen viermal die Woche, letzte Spielzeit wurde dreimal die Woche gespielt.“

Stärker an die Schulen Dann ist es auch so, dass der Intendant klug plante, mit Taboris „Mutters Courage“ und einem lyrisch-musikalischen Liederabend fertige Stücke mitbrachte, die das aus Spargründen auf drei Stellen ausgedünnte Schauspielensemble nicht belasteten, Raum gaben für Proben und eine dichtere Spielplangestaltung. Und dann, ja dann spricht Thomas Bockelmanns Theater offenbar einfach wieder mehr Menschen an, „wir haben viele zurückgewonnen, die in den letzten Jahren nicht mehr kamen“. Der Altersschnitt? „Gemischt“, meint der Intendant, und: „Mein Ziel ist, dass, egal wie lange ich das hier mache, danach nie mehr jemand auf die Idee kommt, dieses Theater schließen zu wollen.“ Apropos Einsparungen, mit 290.000 Euro weniger müssen sie ja auskommen: Die Mehreinnahmen im Vergleich zur Vorsaison sind dabei nur ein Posten, „es gab zwei Dramaturgen, jetzt haben wir einen, es gab einen Geschäftsführer und einen Disponenten, jetzt macht das eine Person, es gab vier Schauspielstellen, jetzt drei“, rechnet Bockelmann vor. Für nächste Spielzeit hofft er wieder auf vier, „ich bin zuversichtlich, dass wir das finanziert kriegen“. Dann kann er nächste Spielzeit auch wieder Stücke mit mehr Schauspielern machen. Wahrscheinlich ist, dass er mit einem Sechspersonenstück starten kann, dann würden vielleicht auch Ex-LTTler Udo Rau und die freie Schauspielerin Noemi Fulli mit von der Partie sein, Bockelmann schaut sich ja um in Tübingen. Apropos nächste Spielzeit: „Mutters Courage“ wird wieder aufgenommen, „mit dem Stück wollen wir stärker an die Schulen. Und, was mich immens freut: Wir haben damit auch eine Gastspieleinladung ans Kölner Schauspielhaus.“ Eine weitere Bestätigung für die Personalauswahl am Haus: Tobias Schilling, Regisseur von „Geisterstück“, wurde von der Zeitschrift „Deutsche Bühne“ für seine Inszenierung von Horvaths „Jugend ohne Gott“ zum besten Regisseur der vergangenen Spielzeit nominiert. Und „Theater der Zeit“ wird in der nächsten Ausgabe den Geisterstück-Text abdrucken und mit Autorin Fabienne Dür sprechen. Immer eine große Klappe Und wie war das bei seiner ersten Intendanz? Ach, jung und teilweise überfordert sei er gewesen, meint Bockelmann, der damals scheidende LTT-Intendant Klaus Pierwoß habe ihn empfohlen. Dann erzählt er die Anekdote über das Verfahren der Findungskommission, Kroymann, Setzler, Christoph Müller, nichts für die große Glocke, aber so viel darf man vielleicht sagen: Beim Gespräch mit Christoph Müller erwähnte Bockelmann, er kenne dessen Lebenspartner Axel Manthey, worauf Müller zum Hörer griff, bei Manthey anrief, sagte: „Da ist einer, der behauptet, ihr würdet euch gut kennen“ – und den Hörer an Bockelmann weiterreichte. „Ich habe dann extra lang mit Axel telefoniert. Aber die entscheidende Emanzipation von Müller hatte ich später, als ich bereits Intendant war, auf der Neckarbrücke“. Als ihm der Theaterkritiker dort kurz nach einer Premiere über den Weg lief und ein „Tut mir leid, Herr Bockelmann, aber das war ja wieder mal gar nicht gut“ zurief, „sagte ich: Eine Meinung von vielen, Herr Müller!“ Was der zwar mit einem „Ja, aber doch von einem Fachmann!“ konterte. „Aber der Bann war gebrochen“. (Später, auf dem Abschiedsfest des Intendanten hielt Müller übrigens eine lange Laudatio). „Ich hatte immer schon eine große Klappe“, kommentiert Bockelmann, er bringt das auch mit seinem Vater in Verbindung, dem bundesweit bekannten Frankfurter Oberbürgermeister. „Das hat auch dazu geführt, dass ich später bei Verhandlungen nicht vor Politikern gekuscht habe.“ Die Odenwaldschule, die er als Schüler privilegiert besuchte, sieht er differenziert, spricht über den fließenden Übergang zwischen Libertinage und sexuellen Übergriffen. „Mir selbst ist nichts passiert, aber wir Jungs ahnten schon, dass da was nicht Ordnung ist, und haben damals über den Schulleiter gesungen: ‚Der Becker, der Becker, der findet Jungens lecker.‘“ Bockelmann hat an Podiumsdiskussionen über die Schule teilgenommen, hätte viel zum Thema zu sagen, über das anfängliche Versagen der Medien und die Strukturen, die Missbrauch begünstigten. Letzte Frage: Was schätzen Sie an Tübingen am meisten? Antwort: „Es gibt eine bestimmte Jahreszeit, da scheint die Sonne so auf den Neckar, dass sie sich morgens an der Zimmerdecke spiegelt, das mäandert dann so herum, wenn man aufwacht. Wenn ich das sehe, geht’s mir schon ganz gut.“

Thomas Bockelmann, Theaterintendant 1955 in Lüneburg als Sohn des ehemaligen Lüneburger und Frankfurter OB Werner Bockelmann geboren 1974 Abitur an der Odenwaldschule; 1978–1980 Schauspielausbildung, Studium der Philosophie, Theaterwissenschaft und Geschichte in Köln; 1981–1985 Verschiedene Stationen als Regieassistent unter anderem bei Ciulli, Wedel, Korn und Neuenfels in Hamburg, Berlin und Köln 1988–1993 Intendant des Tübinger Zimmertheaters; 1994–1996 Intendant der Landesbühne Niedersachsen-Nord in Wilhelmshaven; 1996–2002 Generalintendant der Städtischen Bühnen Münster; 2004 Intendant und Schauspieldirektor Staatstheater Kassel; Seit 2025 Intendanz des Tübinger Zimmertheaters.