Reif für die Insel
Lustige Tropen: „Robinson und Freitag – remixed by Lumpenbrüder“

Wilhelm Triebold, Schwäbisches Tagblatt 15.03.2010

Die Lumpenbrüder, das sind ein paar top-fitte Theaterjungs, die sich über Peter Zadeks und Tom Strombergs „Was-ihr-wollt“-Akademie zusammengefunden haben und nun ihre produktiven Dienste in der Art eines Kultur-Franchiseunternehmens anbieten.

Das Tübinger Zimmertheater lässt sie bereits zum zweiten Mal unterm eigenen Dach einfach mal machen. Nachdem die muntere Truppe mit „Kardinaltugend: Hoffnung“ die Zimmertheaterbühne jedoch noch gehörig unter Wasser setzten, hält sie das Folgeprojekt auf Trockenkurs. „Robinson und Freitag – remixed by Lumpenbrüder“ arbeitet mit den simplen, wirksamen Mitteln des Theaters, ohne viel Drumherum und Brimborium. In der Tradition des „Armen Theaters“. Und wirkungsvoller denn je.

Nach den „Kardinaltugenden“ wendet sich die Bruderschaft mit dem erklärten Spielzeitmotto „Save our Souls“ diesmal der Sinnfrage zu. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele und wieso? Zu Beginn kommt am Zimmertheater eine freche Robinsonade mit ausreichend philosophisch gründelndem Tiefgang dabei heraus, die vor allem nie in Tristesse zu dümpeln droht.

Die Schauspieler Endre Holéczy und Moritz Peters, beide auf der Lumpenbrüder-Homepage als „Lumpengeschwister“ (also Brüder im Geiste) geführt, kündigen zuerst einmal – teils großspurig-britannisch, teils schmallippig-teutonisch – den voluminösen Titel-Bandwurm des ehrwürdigen Daniel-Defoe-Romans an, um sich dann in den folgenden anderthalb Stunden herzlich wenig um ihn zu kümmern. Denn in „Robinson und Freitag“ zeigt sich der zivilisationsmüde Mittelstandszögling Kruse reif für die Insel. Weshalb ihn ein wohlmeinender Freund umgehend per Seelenverkäufer in den gottverlassenen hintersten Pazifik verfrachtet. Was die beiden, Holéczy und Peters, auch wunderbar auf nahezu nackter Bühne, nur mithilfe eines Sonnensegels, in starke Bilderszenen umsetzen.

Dieses Segeltuch (Bühne: Chasper Bertschinger) ist sozusagen der dritte Mann zu diesem Törn oder auch Trip in die trügerische Abgeschiedenheit. Die wirklich planvoll eingesetzte Plane steht für den schwankenden Untergrund auf hoher See ebenso wie für ein prasselndes Lagerfeuer, dient als Rüst- und Spielzeug für unzählige Eingebungen in Laurent Gröflins einfallsreicher Inszenierung. Und wird die Schiffbrüchigen schließlich auch wieder sicher, als angedeutetes Schlauchboot, heimwärts tragen.

Doch davor besteht „Robinson“ Kruse allerhand verwickelte Abenteuer. Und trifft vor allem auf einen geläuterten Edel-Wilden, der dem kannibalischen Brauchtum des Bleichgesichter-Grillens abschwören und lieber zu PS-starken Nobelkarossen auswandern möchte. So disputieren die beiden über Sinn und Los (und meistens das Sinnlose selbst) im menschlichen Dasein, ohne dass Christian Hansens Textvorlage je dröge würde.

Zivilisatorische Bruchstücke liegen wie Marksteine in dieser kunstvollen Wildnis herum. Oberethnologe Claude Levi-Strauss wird ebenso herbei zitiert wie dessen Musterschüler Michel Tournier, wie Ödön von Horvath oder wie der unvermeidliche Marionettentheater-Kleist. Und dann dürfen die beiden Darsteller auch noch ein kleines Feuerwerk quer durch die seelufthaltige Kinogeschichte abbrennen, von „Cast away – verschollen“ über „Titanic“ bis hin zu „Moby Dick“.

Sehr hübsch, das. Eine insgesamt unterhaltsame tour de raison, nie mit den Zielhafen der „traurigen Tropen“, ganz im Gegenteil. Gelegentlich werden schnelle Rollenwechsel fällig, dann schlüpfen die Mimen in goldglänzende Kapuzenjäckchen, offenbar der letzte Mode-Schrei auf dem Menschenfresser-Eiland.

Moritz Peters brilliert als schlechtgelaunt sarkastischer Zwangs- und Übergangsaussteiger Kruse, während Endre Holéczy gekonnt vom aufgeräumten Wohlstands-Kumpel Daniel zum mitverschworenen Eingeborenen mutiert, ohne allzu nervende Fremden-Folklore übrigens.

Wie's endet? Rückkehrer Kruse sieht danach längst nicht mehr alles so verbissen, und der Mitstreiter Freund aus der Südsee wird auch in der neuen Welt seinen Weg machen. Wird sich anpassen wie weiland der Häuptling Papalagi. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Pantomimisch verdrücken sie schließlich Fastfood anstelle der vorösterlichen Schildkröteneier. Und auch der Joint wird ihr Freund. „Eigentlich will man nur glücklich sein“, seufzen die beiden, und halten dann einen Zettel hoch: „Happy End“ steht da. Das mag man ihnen gönnen.

Weitere Vorstellungen am 20. und 24. März sowie am 15., 26. und 29. April.


Unterm Strich
Theater kann so einfach sein! Die Produktionsgemeinschaft Lumpenbrüder rüttelt schon mal an dieser Hintertür zum verlorenen Paradies, indem sie mit „Robinson und Freitag“ eine ebenso simple wie wirksame Robinsonade auf die Zimmertheater-Bühne bringt – mit hervorragenden Schauspielern.