Dienstag, 15. Juni 2010
Theater - Zimmertheater spielt unter Platanen auf dem Platz vor der Burse. Beginn mit »Robinson und Freitag«
Menschenfresser am Ufer des Neckars
TÜBINGEN. Als Kruse nach acht Bier am nächsten Morgen auf einem Frachter unter der Flagge der Bahamas aufwacht und entsetzt aufs Meer starrt, kreischt am Himmel ein Schwarm Krähen, als müsste er den Part der Möwen spielen. Open-Air-Aufführungen haben nun mal mit Einflüssen von außen zu rechnen, und nicht immer passen sie so gut. Das Zimmertheater ist jetzt nach draußen gegangen, allerdings viel bescheidener als im Jubiläumsjahr 2009 und damit auch mit geringerem Risiko. Es verpflanzt drei laufende Produktionen auf eine Freilichtbühne auf dem Platz vor der Burse.
Frust am geschniegelten Alltag, also raus ins Abenteuer: Moritz Peters (links) als Kruse und Andre Holéczy als Daniel. FOTO: Monique Cantre
Am Samstag war der Auftakt mit dem fabelhaften Stück »Robinson und Freitag - remixed by Lumpenbrüder«, das im März in der Regie von Laurent Gröflin uraufgeführt worden ist. Die von einer mächtigen Platane überdachte Bühne ist ideal für die Inszenierung, die ja zum größten Teil im Freien angesiedelt ist.
Umgebung spielt laut mit
Das Bühnenbild von Chasper Bertschinger besteht allein aus einem Segel, das dem »Robinson Kruse« auf der Menschenfresser-Insel zu allem wird, was ihm beim Überleben hilft. Und der lauschig warme Sommerabend vor der üppig begrünten Neckarfront unterstützt die Fantasie von der Südsee bestens. Allerdings dient dieser schöne Abend auch Anderen zum Feiern unter freiem Himmel, sodass nicht nur die Stiftskirchenglocken Akzente beisteuern, sondern auch das Gelächter und der chorisch intonierte Schlager »Griechischer Wein« von der Neckarinsel herübertönt oder aus einem nahen Restaurant ein virtuos gespieltes Geigensolo samt Applaus. Dennoch ist die Aufführung mit den beiden hervorragenden Darstellern Moritz Peters (Kruse) und Endre Holéczy (Daniel/Freitag) ein Genuss. Sie erwecken den intelligenten, heutigen und sprachlich voller Überraschungen steckenden Text von Christian Hansen glänzend zum Leben - und zum Innehalten. Die in die Gegenwart versetzte Robinsonade kratzt am glatten Lebensentwurf ebenso wie an starren Konventionen. Wie schön, dass es dann doch immer wieder einen Freitag gibt, der es wagt, eigenständig zu denken. Wie diesen schwarzen »Tropen-Sokrates«, der es ablehnt, Weiße zu grillen, nur weil die Tradition es will.
»Robinson und Freitag« wird auf der Bühne vor der Burse am nächsten Wochenende (18. bis 20. Juni) wieder gespielt. Von 15. bis 17. Juni sowie am 22. und 24. Juni steht »Kohlhepp spielt Schiller: Die Räuber oder so« auf dem Programm und am 25. und 30. Juni sowie am 1. Juli »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran«. Alle Vorstellungen beginnen um 20.30 Uhr. (can)