Reutlinger Generalanzeiger 09.11.2009

Theater - Schwesterliebe und Brudermord: Christian Schäfer findet für Friedrich Schillers Trauerspiel »Die Braut von Messina« am Zimmertheater eindringliche Bilder
Leidenschaft in Versen
VON CHRISTOPH B. STRÖHLE
TÜBINGEN. Der Friede ist von kurzer Dauer, die Schatten der Vergangenheit, Schuld, Vertuschung und Zerstörung holen die Gegenwart ein: Regisseur Christian Schäfer hat Friedrich Schillers Trauerspiel »Die Braut von Messina« am Zimmertheater zu einem packenden Theaterabend verdichtet. Die Premiere am Samstag wurde vom Publikum bejubelt. Die inhaltliche Nähe zu Sophokles »König Ödipus« ist nicht zu übersehen, auch wenn Schiller einen ganz und gar fiktionalen Stoff verwendete. Wie dort geht es um Schicksal, Strafe, Inzest und Familienmord.
Hannah Kobitzsch als Beatrice und Moritz Peters als Don Manuel in der neuen Zimmertheater-Produktion »Die Braut von Messina oder Die feindlichen Brüder« als Beitrag zum Schillerjahr.
FOTO: FANY FAZII
Hannah Kobitzsch als Beatrice und Moritz Peters als Don Manuel in der neuen Zimmertheater-Produktion »Die Braut von Messina oder Die feindlichen Brüder« als Beitrag zum Schillerjahr.
FOTO: FANY FAZII
Zwei verfeindete Söhne des verstorbenen Fürsten von Messina verlieben sich in dieselbe Frau, nicht ahnend, dass die Schöne in Wahrheit ihre Schwester ist. Der Fürst hatte zuvor die Tötung des Mädchens befohlen, um so dem prophezeiten Niedergang seines Geschlechts zu entgehen. Doch die Fürstin hatte diese Pläne durchkreuzt und die Tochter am Leben gelassen. Sie hofft auf die Weissagung, nach der die zerstrittenen Brüder durch die Liebe zur Schwester vereint werden.

Auch formal hat sich Schiller deutlich an der antiken Tragödie orientiert und damit so manchen Zeitgenossen vor den Kopf gestoßen. So fand Clemens Brentano das Stück »langweilig, bizarr und lächerlich«. Zu Unrecht? Aktuell ist die Tragödie vor allem da, wo sie die Unfähigkeit zu kommunizieren zum Thema macht. Wo Zeichen - meist falsch - gedeutet statt hinterfragt werden. Wo nicht Verständigung, sondern die Kriegsmaschinerie zu ihrem Recht kommt.

Schillers Sprache fesselt

Erstaunlicherweise fesselt zudem gerade Schillers Sprache. Wenn die Figuren in Jamben ihren Furor entfachen, wirkt das zwar seltsam distanziert, doch versetzt Schiller die Zuschauer ganz bewusst in eine kritische Distanzhaltung zum Bühnengeschehen. Die Geschichte um die verfeindeten Brüder ist bei ihm auch ästhetisches Experiment und Absage an das Illusionstheater seiner Zeit.

Dennoch nimmt man den Darstellern die Leidenschaft ihrer Figuren ab. Nicole Schneider wirkt als Isabella heutig in ihren Lebensäußerungen, ist einerseits fürsorgliche Fürstin und Mutter, die beklagt: »O, meine Mutterliebe ist nur eine/Und meine Söhne waren ewig zwei!« Andererseits gibt sie sich bisweilen sonderbar kühl und beherrscht.

Moritz Peters als Don Manuel und Endre Holéczy als Don Cesar geben klar denkende Brüder ab, die in ihrem Handeln jedoch hitzig und enthemmt sind. Hannah Kobitzsch schwankt als Schwester und Geliebte Beatrice zwischen dem liebesschwärmerischen Teenager und der in böser Vorahnung Umnachteten. Robert Arnold und Frank Siebenschuh schaffen es, im auf zwei Soldaten reduzierten Chor - zwei Chöre sind es, genau genommen - sowohl als dienstbare Handlanger ihres Herrn als auch als kommentierende Instanz wahr- und ernst genommen zu werden.

Chasper Bertschingers Bühnenbild fügt dem Kellergewölbe eine zusätzliche (bewegliche) Wand und eine Metalljalousie als Projektionsfläche für Monologe hinzu. Wie die Kostüme ist es weitgehend zeitlos gehalten. Der Botenbericht wird in Schäfers stringenter, auf übersteigertes Pathos verzichtender Regie durch das Handygespräch ersetzt. Das ist, neben Italo-Pop-Klängen in den Umbaupausen und Anspielungen auf die Mafia, aber auch eines der wenigen Zugeständnisse an den Zeitgeist. (GEA)