Friedrich Schiller
Premiere: 07.11.09
Ort: Gewölbe
Regie: Christian Schäfer
Ausstattung: Chasper Bertschinger
Donna Isabella: Nicole Schneider
Don Manuel: Moritz Peters
Don Cesar: Endre Holéczy
Beatrice: Hannah Kobitzsch
Manfredo (Chor 1): Robert Arnold
Rocco (Chor 2): Frank Siebenschuh
Sizilien. Zwei verfeindete Brüder. Ein Erbe. Und eine Frau. In die sich beide verlieben. Ohne zu wissen, dass es sich bei der geheimnisvollen Schönheit um ihre Schwester handelt.
Ihr Vater, der Fürst von Messina, träumt nach der Geburt seiner Tochter Beatrice von zwei Lorbeerbäumen und einer Lilie, die seinem Ehebett entwachsen. Die Lilie aber geht in Flammen auf, und ihr Feuer verzehrt die Bäumchen. Der Vater verurteilt daraufhin seine Tochter zum Tode.
Der Mutter gelingt es, ihr Kind zu retten. Nachdem sie geträumt hatte, dass nur die Liebe der Schwester die zerstrittenen Brüder wieder vereinen könne, versteckt sie Beatrice in einem Kloster. Jahre später wird Beatrice von ihren Brüdern entdeckt. Beide verlieben sich unsterblich in sie. Es kommt zum Kampf auf Leben und Tod, bei dem der eine Bruder den anderen ersticht. Danach tötet er sich selbst.
Schiller orientiert sich in seinem Trauerspiel am Aufbau der griechischen Tragödie. Basierend auf seinen eigenen Ansätzen zur ästhetischen Erziehung des Menschen zu (emotionaler) Freiheit und Unabhängigkeit attackiert Schiller in der Braut von Messina bewusst das ästhetische Illusionstheater seiner Zeit. Freier Umgang mit historischen Fakten, freier Gebrauch eines Chores nach antikem Vorbild, Pathos der Sprache und des Inhalts wurden von Zeitgenossen ebenso bejubelt wie bemängelt. Seinem eigenen Anspruch - eine moderne Tragödie im Rückgriff auf die Antike zu schaffen – wurde Schiller durchaus gerecht: ihm gelang mit der Braut sowohl ein Wurf gegen die Literatur der Spätaufklärer und Romantiker als auch ein echter Klassiker.
„Die anspruchsvollen und sperrigen Verse werden dabei vom Ensemble ganz großartig und plastisch mit Leben gefüllt. Und trotz aller Vielschichtigkeit und Doppeldeutigkeit: Schäfer lässt die Schauspieler ganz in ihre Rollen hineintauchen. […] Nicole Schneider präsentiert ganz exzellent eine so gefasste wie erschütterte, eine so würdige wie zerbrechliche Patriarchinin wechselhafter Gefühlslage: Euphorie, Absturz, Fatalismus.“ Reutlinger Nachrichten
„Schiller, eine Ehrenrettung: „Die Braut von Messina“ ist doch nicht so oll und öd, wie gerne behauptet wird. Dem Zimmertheater gelingt eine überzeugende und überlegte Neu-Interpretation. […]
Robert Arnold spielt den dienstbaren Geist Manfredo wunderbar verdruckst und skrupulös wie einen dieser Mafia-Schatzmeister, die schon immer am Schlechten dieser Welt gelitten haben und dann um so willfähriger mitmachen. […]
Christian Schäfers weder leerlaufende noch hohldrehende Inszenierung schießt mit ihrem Schwung nicht übers Ziel hinaus, sondern deutet behutsam die Machtverhältnisse um: Zum bitteren Ende sind es die Domestiken, die schließlich die Strippen ziehen im hoffnungslosen Wirrwarr der Gefühle.“ Schwäbisches Tagblatt
"Der Friede ist von kurzer Dauer, die Schatten der Vergangenheit, Schuld, Vertuschung und Zerstörung holen die Gegenwart ein: Regisseur Christian Schäfer hat Friedrich Schillers Trauerspiel »Die Braut von Messina« am Zimmertheater zu einem packenden Theaterabend verdichtet. Die Premiere am Samstag wurde vom Publikum bejubelt. Die inhaltliche Nähe zu Sophokles »König Ödipus« ist nicht zu übersehen, auch wenn Schiller einen ganz und gar fiktionalen Stoff verwendete. Wie dort geht es um Schicksal, Strafe, Inzest und Familienmord." [...]
Reutlinger Generalanzeiger (Kompletter Artikel)
Schwäbisches Tagblatt 09.11.2009
Reutlinger Nachrichten 09.11.2009
In der neuen „ganz klassisch…“ betitelten Spielzeit geht das Zimmertheater neue Wege: nach zahlreichen Uraufführungen kommt nun – rechtzeitig zum 250. Geburtstag am 10.11. ein Spätwerk des großen deutschen Dramatikers auf die Bühne. Dramaturgin Nina Schmulius hat Regisseur und Intendant Christian Schäfer und Bühnenbildner Chasper Bertschinger zur Produktion befragt.
Das Zimmertheater Tübingen ist eher für zeitgenössische Produktionen bekannt – wie zeitgenössisch ist Ihr Schiller?
Schäfer: Beim ersten Durchlesen der „Braut von Messina“ hatte ich sofort Assoziationen zum Stoff, denn es handelt sich um Themen, die auch im heutigen - von Politikern wie Berlusconi geprägten - Italien eine Rolle spielen: Tradition, Familie, Ehre, Rache, Ausländerfeindlichkeit und Gewalttätigkeit. Außerdem spielt das Stück mitten in der Heimat der Mafia: Sizilien. Und der augenblickliche Führer der Cosa Nostra heißt Matteo Messina Denaro. Dazu kommt: die gerade entstehende Brücke von Messina soll Berlusconis Denkmal werden.
Es gibt wirklich sehr viele Verquickungen zwischen der von Herrschsucht und Liebeswahn getriebenen Familie in der ‚Braut’ und der heutigen Realität?
Schäfer: Ja, und da konnte ich dieses Stück nicht in Messina von anno dazumal spielen lassen. Und natürlich hat mich gereizt, zu untersuchen, wie zeitgemäß ich ein Stück bekomme, das zwar formal nach dem Vorbild einer antiken Tragödie konzipiert wurde, aber das als ästhetischer Versuch vom Autor viele Freiheiten bietet.
Freiheiten? Wie passt das mit der strengen Tragödienform zusammen?
Schäfer: „Die Braut von Messina“ ist kein Jugendwerk Schillers. Es entstand in einer Phase, in der er über die Formen bereits erhaben war und mit ihnen experimentierte. Beispielsweise verwendet Schiller den für antike Tragödie typischen Chor, allerdings auf moderne Art und Weise: er lässt ihn nicht nur unisono das Geschehen der Protagonisten bewerten, sondern er lässt auch individuelle Chorstimmen zu, die zum Teil aktiv das Geschehen bestimmen. Zudem teilt er den Chor in zwei Lager, die er den beiden verfeindeten Brüdern – so auch der Untertitel des Stücks - zuordnet. Bei uns im Zimmertheater hat nun jeder der Brüder einen nicht zu unterschätzenden Ein-Mann-Chor.
Die Chöre werden zu richtigen Figuren?
Schäfer: Sie bekommen eigene Motivationen, ja. Das von Schiller beschriebene ‚Zurücksinken’ der vom Schicksal gebeutelten Protagonisten, die übrigens in Sizilien nur gewaltsam ‚Neigschmeckte’ sind, in den ‚Schoß des Chores’ echter Sizilianer, gerät auch dadurch zu einem nicht wirklich bequemen Vorgang.
Spielt es auch für das Bühnen/Kostümbild eine Rolle, dass es sich um einen Klassiker handelt?
Bertschinger: Auf eine gewisse Art und Weise schon. Neben den Themen, die die Zeit überdauert haben, findet man außerdem unter der Textoberfläche viele Substrukturen, die sich auf den ersten Blick nicht gleich erschließen. Natürlich auch deswegen, weil die Sprache so ungewohnt ist. Das Resultat ist ein Bühnenbild, das sich an Sprache und Handlung ausrichtet und nicht davon ablenken soll.
Wenn das Stück inmitten der Heimat der Mafia spielt, sehe ich dann bei Ihnen den typischen Mafia-Boss auf der Bühne?
Bertschinger: Nein (lacht), das nun nicht. Wobei: Natürlich tragen die Männer Anzüge. Und Gegenstände wie Waffen zum Beispiel sind ans Heute angepasst. Während der Proben haben wir uns zwar auch Mafiafilme angesehen, aber daran habe ich mich nicht wirklich orientiert.
Schäfer: Man kann sich natürlich fragen, wer heute die eigentlichen Fürsten sind. So hat besagter Herr Denaro, unter anderem einen Spitznamen, der ihn zum Prinzen macht. Dramaturgisch gesehen ist es jedenfalls unverzichtbar, die Handlung wie im Original bei den Herrschern von Messina spielen zu lassen. Denn daraus entwickelt sich der wichtigste Konflikt: die Mutter muss für die Versöhnung ihrer beiden Söhne sorgen, denn sonst droht die Revolution.
Wie sehr sind die Schauspieler im Umgang mit der pathetischen Sprache gefordert?
Schäfer: Natürlich gibt es den ein oder anderen Ausdruck, an den man sich erst einmal gewöhnen musste und oft gibt die Sprache auch den Rhythmus vor. Aber wenn man es schafft, das Ganze mit einer Emotion zu unterfüttern, und es für sich in die Gegenwart zu übersetzen, dann entsteht durch die Fremdartigkeit der Sprache und des Sprachklangs ein ganz eigenes Faszinosum.
Bertschinger: Zusätzlich gefordert sind die Schauspieler ohnehin. Unser Bühnenbild ist beweglich. Und das ist in einem Raum wie dem Gewölbe eigentlich kaum machbar, daher müssen die Schauspieler die Kulissen per Hand bewegen. Aber im Zimmertheater ist man da flexibel!
Der Regisseur.
Christian Schäfer (*1975 in Müllheim/Baden) leitet zusammen mit
Axel Krauße seit 2007 das Zimmertheater Tübingen. Zuvor arbeitet
er u.a. am Berliner Ensemble und am Theater Augsburg. Seine
Inszenierung EUROPA wurde 2008 zum Heidelberger Stückemarkt
eingeladen. Zuletzt war am Zimmertheater Tübingen unter seiner
Regie WEISMAN UND ROTGESICHT von George Tabori zu sehen.
Der Bühnen/Kostümbildner
Chasper Bertschinger (*1978 in Zürich) lebt als freischaffender
Bühnenbildner in Zürich. Seit seiner Assistenz bei Bert Neumann
an der Volksbühne Berlin arbeitet Bertschinger an renommierten
Häusern im deutschsprachigen Raum. In der letzten Spielzeit
entwickelte er als Teil der Produktionsgemeinschaft
Lumpen brüder das Bühnenbild für DIE KARDINALTUGENDEN:
HOFFNUNG am Zimmertheater Tübingen.